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Virtuell aus dem Boden gestampft, mit viel Entwicklungspotential und hohen Lernkurven!

Virtuell aus dem Boden gestampft, mit viel Entwicklungspotential und hohen Lernkurven!

by Louis Kleinwächter, 11. Mai 2020

Von einem Konferenzkomplizen und knuspernden Begleitgeräuschen, von einem Raum voller Trolle und von den Regeln virtueller Veranstaltungen – Die re:publica im digitalen Exil offenbarte uns eine Menge neuer Erfahrungen.

Bestehend aus acht Konferenzräumen – aber nicht unbedingt übersichtlicher als sonst – fand die re:publica Berlin am siebten Mai 2020 zum ersten Mal komplett im virtuellen Raum statt. Der Situation entsprechend von vergleichsweise kleinem thematischem Umfang, zeichnete sich das Event jedoch trotzdem durch eine beachtliche Lernerfahrung aus – Für Veranstalter, für das Publikum und besonders für uns als Schaltzeit, denn wir waren wie immer mit dabei.

Mit dem Versuch, ein größeres Event im virtuellen Raum zu realisieren, ergeben sich Fragen und Antworten, Probleme und neue Lösungswege:

Wie soll Interaktion im virtuellen Raum passieren? Kann Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm wirklich aufrechterhalten werden? Und vorab müsste natürlich geklärt werden, wie die Inhalte überhaupt mit dem Publikum geteilt werden sollten.

Insgesamt 53 Sessions, verteilt auf die Kanäle ASAP 1, ASAP 2, re:work und Media Convention Berlin – jeder dieser Kanäle mit seinem eigenen Deep-Dive-Raum zur Nachbesprechung, um richtig in die Materie einzusteigen – gleichwohl wie in den Austausch mit Speaker:innen und Publikum. Daneben noch der Hof und die Break-Out-Rooms. Wie würde man das alles verfolgen oder sogar dabei partizipieren?

Durch einen Zoom-Stream auf der Website!?

Und glücklicherweise auch über YouTube und Facebook, denn die Website bot, unter insgesamt mehr als 100.000 Aufrufen (laut verdi.de), eher sporadischen Zugriff. Wer das Programm im Verlauf der Veranstaltung noch einmal einsehen wollte, aktualisierte so manches Mal vergeblich die Seite.

Meine vorherige Planung wäre mir also sehr zugute gekommen, hätte ich sie nicht im Laufe des Nachmittags über Bord geworfen.

Interessenschwerpunkte sollten neu gesetzt werden. Nicht selten musste ich raten, in welche Session ich zwischendurch eingestiegen war – dank zeitlicher Verschiebung und mangels Überblickgrafiken.

An Bebilderung fehlte es uns generell. Schaltzeit CEO André Winzer z. B. schaltete während der Veranstaltung testweise auf „Radiomodus“, widmete sich anderer Arbeit, und fiel aus dem Loop. Er verlor die Konzentration. Denn wie beiläufige Radiobeiträge, wären die zum Teil wirklich anspruchsvollen Vorträge dann doch nicht zu genießen, teilte er mir mit. Schade, dass es vor den virtuellen Kulissen (in sterilen gelb-, rot-, Lilatönen), häufig bloß einzelne Speaker:innen vor der Kamera zu sehen waren. Mehr mediale Inhalte hätten unsere Konzentration vermutlich besser erhalten.

„Wenn wir in der Zukunft so etwas planen, dann werde ich auf jeden Fall darauf achten, solche Formate zu vermeiden, in denen man 45 Minuten lang nur einen Kopf sieht…“

Felix

Denn wenn das Publikum fehlt, mit dem wir sonst die Erfahrung teilen würden, gilt es die Präsentation selbst in eine eindrückliche Erfahrung zu verwandeln. Informationen, die nicht nur durchs Wort, sondern speziell im Visuellen verpackt sind, helfen dabei, Lernen erlebbar zu machen. Jedoch waren nicht alle Beiträge „nur gesprochen“.

An dieser Stelle ist beispielhaft mein persönliches Highlight des re:publica TV zu nennen: Protestkunst in Hongkong  (6:37 – 7:00): Ein Thema, das im heutigen sozial-medialen Diskurs beinahe unterzugehen scheint. Eine einfach gehaltene Präsentation, aus prägnanter Beschreibung und ergreifenden Bildern, die zum Gesamtbild des Inhalts beitrugen. Nicht zuletzt, weil ich durch Kunst viel eher geneigt bin, auch Emotion in die Wissensvermittlung mit einzubeziehen.

„Ein Flashback in die Chaträume von 1996, in die Anfänge des Internets…“

André Schulz wirkt fast sentimental, als er von den Break-Out-Rooms berichtet. Denn was beinahe nach einem Diss klingt, ist Ausdruck höchster Begeisterung. André Winzer und Felix Clasbrummel sind ganz ähnlicher Meinung: In puncto Interaktion, Networking, im Schaffen eines Raums für virtuelles Miteinander hat die re:publica einen charmanten Weg eingeschlagen. Im sogenannten Hof traf man sich zur Pause zwischen den Sessions und zur späteren Abendgestaltung. Von dort aus, konnte man in verschiedene Break-Out-Rooms weitergeleitet werden, was den koordinierten Austausch unter den Teilnehmer:innen erst möglich machte.

Hier war Spontanität gefragt: Um in entsprechende Räume zu gelangen, merkte die Moderation schnell, dass bei 200-300 Teilnehmern, die Identifikation der einzelnen zu den Breakouträumen ewig gedauert hätte. Denn es gab keine alphabetische Sortierung. Die Menschliche HI des Teams sorgt für eine schnelle Lösung: Man änderte man seinen Benutzernamen, sodass organisatorische Aufwände minimiert werden konnten.

Ganz besonders gefiel uns der Umgang mit den Trollen. Sie waren zu erwarten: Krakeelten aus unseren Lautsprechern heraus, und zwar genau solange (bzw. kurz), bis sie in ihren eigenen Raum gesperrt wurden. In der Auswertung kurz vor 23:00 Uhr wurde mit Begeisterung wahrgenommen, dass sich nur ein „onanierender Troll“ vor die Kamera gewagt hatte. Die Supportcrew hatte mit weitaus mehr Mutigen gerechnet. Die Idee des Trollraumes war geboren. Und sie war wirkungsvoll: Trolle mussten sich nur zeigen und wurden sogleich in ihre Höhle verbannt.

Screenshot Konferenzkomplize via conceptboard.com

Unter zahlreichen Funktionen bietet der Konferenzkomplize zum Beispiel Personalbögen für Konferenzteilnehmer an. Leider wurde diese Funktion nur sehr gering angenommen. Aber ich fand das Board genial vorbereitet. Es zeigt den Weg in eine Welt, wo vieles möglich erscheint.

 

Unter seinesgleichen fand der Troll sicherlich sein zugänglichstes Publikum...

Wer seine Zeit hingegen mit ernsthaften Unterhaltungen oder dem spontanen, virtuellen Bierpongabend verbringen wollte, der hatte dazu nun die ungestörte Gelegenheit, solange er/sie die Regel beachtete…

Uns offenbarte sich das oberste Gebot der virtuellen Veranstaltung

Nur mit eingeschalteter Kamera und wenn du dich zu Wort meldest, bist du Teil der Gruppe. Präsenz will gezeigt werden! Und tatsächlich, konnte man erst durch Interaktion mit dem Geschehen wirklich darin eintauchen, anstatt bloß zu „mitzuziehen“.

Die Streifzüge zwischen den Sessions, über den Hof und durch´s Getümmel der Besucher, die während vergangenen re:publicas für das eindrückliche Messegefühl sorgten, vermissten wir trotz des gemeinschaftlichen Zugzwangs. Oder vielleicht gerade deswegen.

Das große „Hallo hier bin ich!“ auf das es im realen Miteinander meist nicht ankommt, lädt nämlich nicht jede:n zur Interaktion ein.

Neben direkter Interaktion in den Zoom Sessions und durch die Mentimeter-Fragestellungen, galt besonders Twitter als ein Ort für angeregten Austausch…

„Da isst doch wer Chips vor dem Mikro…“

So oder so ähnlich klangen getwitterte Kommentare zum ASAP 1. Denn ziemlich genau so klang es wirklich: Irgendwer schien in einer Tour in die Tonspur hineinzufuttern und zwar ohne Unterlass…

Twitter bot jedoch nicht nur Raum für die entsprechende Belustigung, sondern lud auch zu relevanterem Content, wie dem Konferenzkomplizen, einem Bot, der mittels Beispielprozess, seine Kapazitäten zur Unterstützung von Konferenzen bewarb.

Den Abschluss der re:publica im digitalen Exil prägte traditionsgemäß die gemeinsame Bohemian-Rhapsody-Session. Die lief dieses Jahr leider nicht als Karaoke ab, sorgte jedoch trotzdem für ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, für ein re:publica-Gefühl – auch in remote.

Ich könnte immer weiter berichten. So viel Neues durften wir erleben: Es gab Chaos und es gibt natürlich Optimierungsbedarf, für die nächsten großen, virtuellen Veranstaltungen. Sicher ist aber, dass die Organisation der re:publica einen ersten Schritt gegangen ist, auf den viele weitere folgen werden und von dem wir einiges lernen können.

Whiteboard Plattform Miro.

Vor dem Hintergrund, uns selbst mit virtueller Zusammenarbeit und Interaktion auseinandersetzen zu müssen, sammelten wir Notizen zu unseren Erfahrungen auf der Kollaborative Whiteboard Plattform Miro.

 

Unsere persönlichen Lernerfahrungen:

  • Es braucht Spontanität und vor allem auch Formate für den Austausch. Der Hof war sehr versteckt. Spiele wie das virtuelle Beerpong sorgen für Abwechslung. Wir brauchen mehr davon!
  • Das gemeinsame Singen, unbedingt nicht nur als Video, sondern real veranstalten!
  • Zur besseren Orientierung zwischen den Streams, wäre ein Navigationstool, vielleicht in Form einer Karte, hilfreich.
  • Die Tool-Landschaft muss sinnvoll integriert werden. Hierzu bedarf es vielleicht eines Redaktionsteams. Egal ob Mentimeter, Zoom, Twitter, YouTube, oder die zahlreichen Boards der einzelnen User. Es muss einen Ort der Gemeinsamkeit geben.

Für solche Lernerfahrungen, wie für die Organisation von tollen Beiträgen und einem unterhaltsamen Abendprogramm bedanken wir uns bei den Vorreitern des re:publica-Teams.

Feedback zum re:publica TV wird dabei helfen, zukünftige Formate zu optimieren: https://20.re-publica.com/de/news/euer-feedback-gefragt-rpremote-umfrage.

Bildquellen

  • re-publica_conceptboard: Louis Kleinwächter, https://app.conceptboard.com
  • re-publica_miro: Louis Kleinwächter, miro.com
  • re-publica_zoom-breakout-room: re:publica, zoom.us, Schaltzeit GmbH