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Laut, Überraschend, Anders – die 4. Berliner Schachboxmeisterschaften

by schaltzeit, 31. Juli 2012

Es ist Samstag, der 28. Juli 2012. Um 20.30 Uhr strömt die Schaltzeit gemeinsam mit gut 300 anderen Gästen in die restlos ausverkaufte Platoon-Kunsthalle in Prenzlauer Berg, um die 4. Berliner Meisterschaften im Schachboxen zu sehen, zu hören und zu leben.

Alles drängt. Das Programm beginnt mit einer kurzen Lesung des Berliner Autors Helmut Kuhn aus seinem Roman „Gehwegschäden“. Es geht ums Schachboxen, doch dringen seine Worte kaum über die zweite Sitzreihe hinaus. Zur Ordnung gerufen wird die raunende Menge erst durch die donnernde Stimme des professionellen Ringannouncers und Schachkommentators. Seine langen Vokale und eindringlichen Blicke lassen erahnen: das Schachboxen erfordert zwar Köpfchen, bleibt aber doch ein echter Kampfsport. Den Anspruch, die „Gentlemen unter den Boxern“ zu versammeln, hat hier niemand.

Und so steigen die ersten Kämpfer in den Ring: Nebel, Jubel, Blitze, Musik und immer wieder die dröhnende Stimme. Die Kontrahenten schlagen zur Einschüchterung des jeweils anderen in die Luft, springen auf und ab. Das Ring-Girl trennt die Seile, die Musik verstummt … und die Gegner setzten sich ans Brett.

Der erste Kampf ist zäh, aber ungleich. Ein Schachgroßmeister trifft auf einen Neuling, der trotz deutlich größeren Zeitkontingents schließlich in der 11. Runde an der Schachuhr scheitert. Zwischendurch jedoch waren beide bereits völlig erschöpft vom Ringrichter angezählt worden.

Der zweite Kampf wurde denn tatsächlich in der ersten Boxrunde durch k.o. entschieden. Tilman Kohls schlug seinem Kontrahenten erst die Nase blutig und bei einem weiteren Treffer ging jener zu Boden und verlor kurzzeitig die Orientierung, sodass die Ringärztin den Kampf abbrechen ließ. Kohls ist damit neuer Berliner Schachboxmeister im Halbschwergewicht und auch dem letzten Zuschauer fiel auf, dass hier wirklich geboxt wurde.

Vor dem dritten und letzten Wettkampf drehte „Transformer di Roboter“ auf mit Elektromusik und psychedelischen Bildern im Hintergrund. Wie ein Berserker sprang der Musiker singend von Ringecke zu Ringecke, ging in seiner Musik und Performance völlig auf und verlieh dem Abend damit einen weiteren besonderen Akzent.

Der Hauptkampf, die deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht, endete genauso abrupt wie der zweite Kampf: in der ersten Boxrunde wurde Tim Bendfeldt von Nils Becker am Kehlkopf getroffen und musste sich vorzeitig geschlagen geben.

Damit war das offizielle Programm des Abends beendet, wenngleich sich André Winzer inzwischen genug Mut angetrunken hatte, den Gründer und Vorsitzenden des Chess Boxing Club Berlin Iepe Rubingh zu einer Partie Blitzschach im Ring herauszufordern. Ob es nun an seiner aussichtslosen Lage auf dem Schachbrett, oder an der Aussicht darauf lag, bei der dann konsequenterweise auch anstehende Boxpartie selbst auf den Brettern zu landen – nach wenigen Minuten suchte André jedenfalls das Weite.

In der Schaltzeit-Fankurve war die Stimmung ausgezeichnet und der Abend ein voller Erfolg. Die Schaltzeit drückt dem jungen Sport die Daumen, auf dass er sein Ziel erreiche: die Olympiade 2020.

AB